Die Klimaerwärmung, rethorisch vielbeschworenes Damoklesschwert unsere Zeit, ist nicht der alleinige apokalyptischer Anfang vom Ende, sondern in ihren Folgeerscheinungen - Abschmelzen der Polkappen - seit nunmehr einem Jahrzehnt politisch wirtschaftliches Kalkül geworden.
Mit dem Rückweichen des Eises öffnet sich am Nordpol ein bisher und bislang ungenutztes riesiges Rohstofffeld, welches Schätzungen zufolge etwa 22 Prozent des weltweiten Gas- und Ölvorkommens in sich birgt.
Russland machte als eines der ersten Arktisstaaten 2001 Ansprüche für Gebiete und damit Rohstoffvorkommen am Meeresboden geltend und berief sich dabei auf die UN-Seerechtskonvention von 1982. Diesem von mehr als 150 Staaten ratifizierten Abkommen zufolge können Staaten vor ihrer Küste eine Wirtschaftszone beanspruchen, welche bis zu 200 Seemeilen (370 Kilometer) weit reichen darf. Jene kann erweitert werden, sollte der Nachweis vorliegen, dass das zugehöriges Kontinentalschelf weiter ins Meer hineinragt. Neben Russland haben Kanada, Dänemark, Norwegen und die USA begonnen Bewiese für oder wider den jeweiligen Annektierungsansprüchen zu erheben und vorzulegen. Aus Daten, welche von Ubooten und Schiffen via Slid-Scan-Sonar bei Abtasten des Meeresboden gesammelt werden, erstellen Wissenschaftler dreidimensionale Topographien des Untergrundes. Der Streit der zwischen den Nationen geführt wird, bleibt dabei (noch) ein visueller. Unterschiedlich entwickelte Technologien, verhindern, ebenso wie Schiffsbewegung und Umgebung selbst ein einheitliches "Bild" der submarinen Polregion. Die computergenerierten Darstellungen gleichen Simulacren im Sinne von Kopien ohne Original, sie erzeugen Realität.
"These are not just images, but they are architectures. Architectures in the sence that they are organize the relation between politics and space."  Die optischen Apparate als Architektur organisieren nicht nur den Raum, sondern auch die Art ihn zu beherrschen, indem sie uns die Methodik vergegenwärtigen ihn zu kontrollieren. Der mithilfe von bildgebenden Technologien produzierte Raum, welcher durch den klimabedingten Rückzug der Kryosphäre überhaupt erst möglich geworden war, ist ein Politischer. Die Inanspruchnahme einer Landmasse, ob über oder unter der Meeresoberfläche, verlangt aber auch weiterhin nach der demonstrativen Geste. Den digital-visuellen, datenbezogenen Beweisverfahren zum trotz setzt Russland im Juli 2007 seine Flagge in arktische Tiefen, und erntet bislang verhaltene Kritik der Anrainerstaaten. Dennoch: "Mit Landnahme wird das Besitzrecht erwirkt und somit das Kriegsrecht eines Staates, einer Person definiert. Nach Innen gerichtet schafft die Landnahme Eigentumsverhältnisse, nach Außen entsteht Krieg." 

 

Carl Schmitt: Der Nomos der Erde. Berlin 1988. S.16.
John Palmesino: Vortrag Hfg Karlsruhe 2011.
Yana Milev. Emergency Empire – Transformation des Ausnahmezustands. Souveränität. Wien 2009. S. 18.

Oliver Matz: Arktische Fronten. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. 9/2010. Berlin 2010. 27ff.